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05.02.2012 :: Druckversion
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Friedrich von Bodelschwingh

175 Jahre Friedrich von Bodelschwingh


Der genialste Bettler Deutschlands

Am Hang des Teutoburger Waldes, ganz in der Nähe der großen Zionskirche, die er selbst errichten ließ, liegt in Bielefeld eine der bekanntesten Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts begraben: Pastor Friedrich von Bodelschwingh.

Unzählige Straßen, Kirchengemeinden und Schulen in Deutschland tragen seinen Namen. Bekannter noch als er selbst ist aber sein Lebenswerk "Bethel". Seine Visionen und Tatkraft haben wesentlich dazu beigetragen, dass sich eine kleine "Anstalt" für Menschen mit Epilepsie zu Europas größter diakonischer Einrichtung entwickeln konnte. Die Hilfsangebote der heutigen "Stiftungen v. Bodelschwinghsche Anstalten Bethel" werden bundesweit von mehr als 20 000 Menschen genutzt.

Genau 175 Jahre ist es her, dass Friedrich von Bodelschwingh im westfälischen Tecklenburg zur Welt kam. Mit zahlreichen Veranstaltungen wird an jenen 6. März 1831 erinnert. Auch eine Biografie ist im Rowohlt Verlag pünktlich zu dem historischen Jubiläum erschienen. Sie zeigt ein differenziertes Bild des engagierten Pastors. Sie verabschiedet sich von jener verklärten Blickweise auf "Vater Bodelschwingh", die dem ausgewiesenen Protestanten im Stil einer Heiligenverehrung begegnete. Charismatisch und warmherzig, agil und gläubig sei er gewesen, aber ebenso auch ein Dickkopf, ein politisch überaus konservativer, autoritärer Mensch, der trotz seines theologischen Studiums mit akademischen Diskursen nichts am Hut hatte, sondern von einer fast kindlichen Gläubigkeit beseelt war.

Bodelschwinghs Familie gehörte zum alten westfälischen Adel. Viele seiner Vorfahren waren Offizier oder preußische Beamte. Auch sein Vater Ernst machte eine rasante Karriere, vom Landrat bis hin zum preußischen Finanzminister in Berlin. So lernte der Sohn Friedrich schon früh bedeutende Persönlichkeiten kennen und wurde zum Spielgefährten des späteren 99–Tage–Kaisers Friedrich Wilhelm III. ausgewählt.

Auch dies mag ein Grund dafür gewesen sein, dass Bodelschwingh niemals eine demokratische Haltung entwickelte. Für ihn war die Monarchie gottgegeben, und er blieb dem Hohenzollernhaus stets verbunden. So konnte er den Kronprinzen 1883 dazu bewegen, bei der Grundsteinlegung der Betheler Zionskirche mitzuwirken.

Nach dem Abitur entschloss sich Bodelschwingh zu einer Stippvisite an der Philosophischen Fakultät in Berlin, anschließend absolvierte er eine Ausbildung zum Landwirt und wurde Verwalter eines modernen Landgutes in Pommern. Hier lernte er auch zum ersten Mal die Not der landlosen Unterschicht kennen. Sein Wunsch, Menschen zu helfen, wuchs. In die Mission wollte er gehen. Seinen Verwandten gelang es jedoch, den jungen Mann davon zu überzeugen, erst einmal Theologie zu studieren. Es zog ihn an die Fakultäten nach Basel, Erlangen und Berlin. Neben seinem Studium erwarb Bodelschwingh Kenntnisse in der Krankenpflege und Arzneikunde.

Als Pastor in Paris

Seine erste Stelle als Theologe führte ihn zur "Evangelischen Mission unter den Deutschen in Paris". Seine Gemeindemitglieder waren deutsche Gastarbeiter, die ihr Leben als Gassenkehrer bestreiten mussten. Bodelschwingh gelang es, Spenden in Deutschland zu werben und eine kleine Kirche und Schule auf dem Montmartre zu errichten. Gemeinsam mit seiner Frau Ida lebte er auf engstem Raum. "Schränke brauchten wir nicht einmal (…), weil das Nötigste in der Holzhütte an den Wänden angebracht war", schrieb er. Als Ida nach der Geburt des ersten Kindes erkrankte, nahm Bodelschwingh eine Pfarrstelle in Dellwig an der Ruhr an. Mit seinem Wettern gegen Schützenfeste und seinem Kampf gegen den "Branntweingenuss" wurde er dort zum unbequemen Pastor. Auch als Publizist eines christlich–konservativen Sonntagsblattes versuchte er, Einfluss auf die Moral der Gemeindemitglieder zu nehmen. Hart geprüft wurde die Familie 1869. Ihre inzwischen vier Kinder starben, vermutlich an Diphtherie. "Darüber bin ich barmherzig geworden gegen andere", sagte Bodelschwingh später.

Friedrich von Bodelschwingh nutzte aber nicht nur Spenden, um mehr für Hilfe suchende Menschen zu erreichen. Er scheute sich auch nicht davor, Kredite aufzunehmen und die Herren aus dem Bethel–Vorstand des Öfteren vor vollendete Tatsachen zu stellen. Pastor Bodelschwingh habe sich zwar alles geduldig angehört, "ohne zu widersprechen", nachher aber dennoch getan, "was er für richtig hielt", erinnert sich ein Vorstandsmitglied.

Bescheidene 1000 Taler Jahresgehalt

Im Jahr 1872 machte er den bedeutsamsten Schritt in seinem Leben. Für ein bescheidenes Jahresgehalt von 1000 Talern übernahm er die Leitung der bereits fünf Jahre zuvor in Bielefeld gegründeten "Anstalt für Epileptische". Zugleich wurde er Vorsteher des Bielefelder Diakonissenhauses. Die Entwicklung der seit 1874 "Bethel" genannten Einrichtung trieb er mit enormer Kraft voran. Jedes Jahr wurden neue Häuser errichtet, immer mehr kranke und hilfebedürftige Menschen konnten aufgenommen werden. Zugleich wuchs auch die Zahl der Mitarbeiter. Die Schwesternschaft "Sarepta" war bald die größte im Kaiserswerther Verbund, und auch immer mehr Brüder traten in die Gemeinschaft "Nazareth" ein.

Bei der Finanzierung des rasanten Wachstums erwies sich Bodelschwingh als talentierter Spendensammler. Er gründete "Pfennigvereine", in denen viele Menschen die Arbeit Bethels unterstützten.  Der erste deutsche Bundespräsident Theodor Heuss meinte einmal, Bodelschwingh sei "der genialste Bettler, den Deutschland je gesehen hat". Der vor kurzem verstorbene Altbundespräsident Johannes Rau bekundete bei seinem Besuch in Bethel 2002, dass die Tradition des Spendensammelns bis heute eine hohe Kultur habe. Wenn man in der Betheler Spendenkartei sei, so Rau scherzend, dann komme man da nicht mehr raus. "Ich finde, die Kartei von Bethel ist das fröhlichste und sinnvollste Gefängnis, das ich mir denken kann."

Bodelschwinghs Tatendrang schien noch im Alter ungebremst, doch sein Gesundheitszustand verschlechterte sich. Am 2. April 1910 starb er im Kreise seiner Familie. Die Leitung seines Lebenswerkes Bethel hatte er kurz zuvor seinem Sohn Pastor "Fritz" übertragen. Wie der Vater zuvor stellte auch der Sohn sein Leben in den Dienst für behinderte, kranke und benachteiligte Menschen.

 

Quelle: Epilepsie Infos